Thursday, November 24, 2005

Geschichtetutorium: 1.Essay

1.) Geschichtliche Hintergründe

Die Erforschung fremder Kulturen wurde im 19. Jahrhundert vor allem durch den Überseehandel und den damit verbundenen Kolonialismus verstärkt. Zunächst war das wissenschaftliche Interesse ohne Belangen.
Man orientierte sich an den Naturwissenschaften wie Geologie Zoologie oder Botonik. Das Fach der Naturwissenschaften haben viele der Forschungsreisende studiert, daher dachten sie einheitswissenschaftlich. Das heisst, dass sie die exakte Methode der Naturwissenschaften auch für die Wissenschaften vom Menschen zum Vorbild nahmen.
Der Begriff „Mensch“, somit die Anthropologie tritt in den Vordergrund. Die frühen Ethnologen verfügten meistens nicht über die finanziellen Mittel, umso an längeren Forschungsreisen teilzunehmen. Dies war auch ein Grund dafür, das sie meist als „Lehnstuhlethnologen“ ihre gesamten Forschungen von ihren Studierzimmer aus betrieben. Bei ihrer Arbeit zogen sie vorzugsweise die Methode des Vergleichs heran. Dabei verglichen sie das ethnographische Material weltweit, wobei sie vom lokalen Zusammenhang sahen. Ihre Vergleichsphänomen ordneten sie nach dem Grad ihrer Komplexität. So gelangten sie schliesslich zu einem Entwicklungsreihen- oder Entwicklungsstufenmodell.

2. Was ist Evolutionismus?

Evolutionismus ist die wissenschaftliche Betrachtungsweise, der gemäss sich untersuchte Phänomene vom Einfachen zum komplexeren hin entwickeln.
Vordenker war bekanntlicherweise der Biologe Charles Darwin (1809-1882), der die Entstehung neuer Tier- und Pflanzenarten auf die natürlichen Mechanismen der Auslese und Ausmerzung zurückführte und diese Lehre auch auf die Menschwerdung anwandte.
Die positivistischen Evolutionstheoretiker wollten nun eine durchgängig wissenschaftliche Erklärung der Welt zur Planung des westlichen Lebens liefern.


Ihre These:
Die Menschheit unterliege dem Gesetz des Fortschritts. Dieser habe notwendigerweise zur westlichen Zivilisation geführt.
So konnte man natürlich die westliche Hegemonie rechtfertigen.

2a) Die Vertreter:
- Lewis Henry MORGAN
- Edward Burnett TYLOR
- FRAZER
- BACHOFEN
- MAINE
- PITT-RIVERS
- MC LENNON
- WUNDT

1. Morgan (1818-1881)
Der wohl bedeutendste Evolutionist, gleichzeitig war er aber auch der erste amerikanische Ethnologe.
Als junger Mann erforschte er die Irokesen. In seiner späteren Laufbahn wandte er sich der Entwicklungslehre zu. Dabei stellte er einen weltweiten Vergleich von Verwandtschaftsbezeichnungen an, eine Entwicklungsreihe der Familienformen.
Darin geht er von der sogenannten „Urpromiskuität“ (angeblich tierisch) aus, diese entwickelt sich weiter zum Mutterrecht (durch Irokesen exempliziert), bis es schliesslich zur vaterrechtlichen Einehe kommt.
Zudem entwickelte er eine wirtschaftlich technologische Entwicklungsreihe.
Deren Prinzip folgendermassen aussieht:
„WILDHEIT“ (Nomaden) – „BARBAREI“ (sesshafte Bodenbauern) – „Zivilisation“
bekannte Werke:
- „The league of the Ho-de-no-sau-nee, or Iroquois“ 1851)
- “ Systems of Consanguinity and Affinity of Human Family”
- “Ancient Society (1877)



2.Tylor
Tylor war der Ansicht, dass alle Völker vollständig in sich stimmige Kulturen besitzen.
Er erstellte mittels dem „Survival-Konzept“ Entwicklungsreihen der Religion und der Zivilisation. Doch anders als Morgan legt Tylor sein Hauptfokus auf das Thema der Religion. So entsteht sein Konzept:
ANIMISMUS – TOLEMISMUS – POLYISMUS – MONOISMUS
Weiters definierte Tylor als erster den Begriff „Kultur“, deren Deutung bis heute von Ethnologen umstritten ist.
Laut Tylor ist Kultur „ that complex whole which includes knowledge, belief, art morals, law, custom and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society.” Er war der Ansicht, dass Kultur Fähigkeiten und Gewohnheiten umfasse, die der Mensch als Mitglied der Gesellschaft angeworben habe. Demnach sind diese nicht angeboren, sondern erlernt und überindividuell.

3. Exkurs Neoevolutionismus

Die Neoevolutionisten versuchten wie auch die Kulturmaterialisten durch den Vergleich ökonomischer Systeme Entwicklungsprozesse einzelner Kulturen trennschärfer zu erkennen und typologische Merkmale gesellschaftlicher Entwicklung festzustellen. Somit gehen sie bereits viel differenzierter vor als die Evolutionisten des 19. Jahrhunderts.
Seine Vertreter:
- Julian Steward (1983)
- Morton Fried (1960)

3. Kritik des Evolutionismus

Diese Vorstellungen sind von der Ethnologie längst in Zweifel gezogen worden (ohne dass man jedoch einer Kultur abspricht, sich zu verändern und damit eine Entwicklung zu zeigen). Zum einen gibt es zahlreiche Beispiele, die beweisen, dass die Entwicklung nicht notwendigerweise entlang der in dem Schema vorgegebenen Richtung läuft. Zum anderen ist vor allem die in evolutionistischen Werken enthaltene Wertung kritisiert worden, wonach das weiter Entwickelte auch das Bessere und Leistungsfähigere ist.
Längst hat sich herausgestellt, dass die von uns für „primitiv“ gehaltenen Kulturen oft äußert differenzierte Sprachen und überaus komplexe Sozialstrukturen haben. Ebenso stellt sich die Frage, ob die Industrialisierung tatsächlich ein überlebensfähiges Modell für die Zukunft liefert oder ob diese nicht eher in traditionellen Lebensweisen liegt. Tatsache ist, dass die Einteilung der Welt nicht so simpel ist wie oft angenommen.

4. Evolutionismus heute – Gegenwartsbeispiele

Während man in der Ethnologie insbesondere den im Evolutionismus enthaltenen Wertungen gegenüber inzwischen äußerst kritisch eingestellt ist, lebt dessen Grundgedanke in den Köpfen der Bevölkerung weiter. Politikeraussagen, Medienberichte, Schulbücher und alltägliche Gespräche wimmeln von Aussagen, die die Stufentheorie widerspiegeln. Dabei hat sich sozusagen ein „Volksmodell“ des Evolutionismus durchgesetzt, bei dem gerade die Wertung eine große Rolle spielt: Unsere eigene Kultur, die Kultur des Westens, entspricht der „Zivilisation“ und ist daher die bessere; andere Kulturen haben unsere Stufe noch nicht erreicht und sind „unterentwickelt“. Was diese betrifft, so geht man im Allgemeinen davon aus, dass sie sich nichts dringender wünschen, als unseren Stand der Entwicklung zu erreichen, doch gibt es immer wieder Gruppierungen, die – lästigerweise - im „Mittelalter verhaftet“ bleiben und „auf ihren Traditionen beharren“. In alltäglichen Gesprächen weisen zahlreiche Wortwendungen auf das evolutionistische Modell in den Köpfen hin, auch wenn es kaum jemandem wirklich bewusst ist. Allein das kleine Wörtchen „noch“ ist ein Indiz dafür: In Anatolien hat man noch keinen Strom, in Afghanistan lebt man noch wie im letzten Jahrhundert – als handele es sich um einen Anachronismus, der längst verschwunden sein müsste, statt einfach nur um eine andere Lebensweise.

Auch in der Politik lassen sich immer wieder einschleichende evolutionistische Gedankenmuster erkennen. Und es nur um die eigene Überlegenheit und Macht zu rechtfertigen, die man glaubt zu besitzen, oder in Anspruch nehmen zu können.


5.) Meine persönliche Ansicht zum Evolutionismus



Gerade in Krisenzeiten zeigt sich in Diskussionen und Ansprachen ein deutlicher Mangel an Differenzierung. Dabei ist es interessant herauszuarbeiten, auf welche Vorstellungen zurückgegriffen wird. Leider muss ich immer wieder feststellen, dass hierbei nur allzu oft auf egozentrische Erklärungsmodelle zurückgegriffen werden, zu solchen der Evolutionismus für mich in vielerlei Hinsicht gehört hat, oder bis heute noch gehört.
Leider stellt sich für mich die wesentliche Frage, warum gerade unsere Gesellschaft so vehement auf einem hierarchischen Wertesystem bestehen zu bleiben scheint.











Literaturnachweise:

Fischer, Hans/ Beer, Bettina: Ethnologie. Eine Einführung und Überblick. 5. Auflage.
Berlin: 2003.
Barth, Frederik: One Discipline, For Ways.Chicago 2005.

Sunday, November 06, 2005

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